Wenn man Einsteiger*innen nur drei technische Tipps geben könnte, wären es diese: eine sinnvolle Trittfrequenz nutzen, im richtigen Moment schalten, an der richtigen Stelle bremsen.
1. Trittfrequenz (Cadence)
Warum die Trittfrequenz wichtig ist
Dieselbe Leistung lässt sich auf zwei Arten erbringen: „große Übersetzung + niedrige Trittfrequenz” oder „kleine Übersetzung + hohe Trittfrequenz”:
- Niedrige Trittfrequenz, hohe Kraft → hohe Muskelbelastung, schnelle Ermüdung der Muskelfasern, hoher Druck auf die Kniegelenke
- Hohe Trittfrequenz, geringe Kraft → hohe Belastung von Herz und Kreislauf, aber geringere Muskel- und Gelenkbelastung
Bei Ausdauerfahrten wird die muskuläre Ermüdung meist früher zum limitierenden Faktor als die Herz-Kreislauf-Belastung. Deshalb verlängert eine höhere Trittfrequenz mit geringerer Kraft pro Tretzyklus auf langen Strecken deutlich deine Ausdauer. Das ist auch, warum Profis durchgängig eine relativ hohe Trittfrequenz fahren.
Richtwerte
| Situation | Trittfrequenzbereich |
|---|---|
| Fahrt in der Ebene / Intensitätstraining | 85–100 U/min |
| Anstieg | 70–85 U/min |
| Regenerationsfahrt | 80–95 U/min (leichte Übersetzung) |
Bergauf ist man durch Steigung und Übersetzung eingeschränkt und erreicht meist nicht die Trittfrequenz der Ebene — 70–80 U/min zu halten ist bereits gut.
Wichtig: „Optimale Trittfrequenz” unterscheidet sich deutlich von Person zu Person. Trainierte Fahrer*innen wählen meist von selbst 85–95 U/min, aber das ist ein Bereich, kein Zielwert, den man erreichen muss. Opfere die Laufruhe nicht für eine bestimmte Zahl.
Ohne Fahrradcomputer einschätzen
Achte auf die Stabilität des Körpers:
- Runder, zügiger Tritt ohne das Gefühl von „ins Leere treten” oder „hochgeschleudert werden” → Trittfrequenz passt
- Oberkörper pendelt beim Treten seitlich, Gesäß hüpft auf dem Sattel → Trittfrequenz zu hoch, übersteigt die aktuelle neuromuskuläre Kontrollfähigkeit
- Jeder Tritt erfordert spürbare Kraft, das Tempo ruckelt → Trittfrequenz zu niedrig, Zeit für eine leichtere Übersetzung
Trittfrequenztraining ist ein langfristiger, bewusster Prozess — im Kern geht es darum, auch bei hoher Trittfrequenz körperlich ruhig zu bleiben und mit dem Rad zu einer Einheit zu werden. Leichter gesagt als getan — das braucht kontinuierliches, gezieltes Üben.
Selbsttest: die eigene ökonomische Trittfrequenz finden
Ein Vergleichstest, den du selbst durchführen kannst:
- Finde eine Strecke, die du 10 Minuten am Stück ohne Unterbrechung fahren kannst, und nutze für jeden Test dieselbe
- Erster Durchgang: mit 80 U/min fahren, Zeit und subjektive Ermüdung (Skala 1–10) notieren
- 15–20 Minuten locker weiterfahren
- Zweiter Durchgang: mit 95–100 U/min fahren, wieder Zeit und Ermüdung notieren
- Nach ein paar Tagen wiederholen, diesmal in umgekehrter Reihenfolge (erst hohe, dann niedrige Trittfrequenz), um einen Reihenfolgeeffekt auszugleichen
- Daten vergleichen: welche Trittfrequenz war schneller und fühlte sich weniger ermüdend an — das ist deine ökonomische Trittfrequenz
Für ein feineres Ergebnis kannst du die getesteten Trittfrequenzen weiter aufteilen: 80 / 85 / 90 / 95 / 100 / 110 U/min. Landest du am Ende bei 85–110 U/min am wohlsten, ist das ein gutes Zeichen — deine gewohnte Trittfrequenz liegt bereits in einem effizienten Bereich.
Ein einzelner Test hat eine kleine Stichprobe, das Ergebnis dient nur als Anhaltspunkt. Wichtig ist, den Trend zu beobachten, nicht einen exakten Wert zu finden.
2. Schalten
Erstes Prinzip: weitertreten
Beim Schalten unbedingt weitertreten.
Das Prinzip: Der Umwerfer schiebt die Kette nur an die neue Position, tatsächlich auf das neue Ritzel oder Kettenblatt klettert sie durch die beim Treten erzeugte Kettenspannung. Schaltest du, während du nicht trittst, bewegt sich die Kette nicht; setzt du dann wieder Kraft ein, rastet sie mit einem Ruck ein — das schadet Kette, Ritzel und Kettenblättern.
Aber auch nicht schalten, wenn die Trittkraft am größten ist (z. B. im Wiegetritt am Berg). Ideal ist: weitertreten, aber die Trittkraft kurz reduzieren.
Zweites Prinzip: vorausschauend schalten
Frühzeitig schalten, vorausschauend schalten.
Besonders am Berg: Fährst du mit einer relativ großen Übersetzung in einen Anstieg, wird es nach zwei, drei Tritten oft unmöglich weiterzutreten — die Kettenspannung ist dann sehr hoch, und beim Herunterschalten hört man häufig ein lautes Geräusch. Ein- oder zweimal ist das nicht schlimm, aber auf Dauer schadet es Kette, Schaltwerk, Ritzeln und Kettenblättern nachhaltig.
Richtig ist: schon vor dem Anstieg in den passenden Gang schalten. Vor einer Steigung wird das vordere Kettenblatt meist rechtzeitig auf das kleine gewechselt.
Den richtigen Schaltzeitpunkt erkennen
Mit zunehmender Steigung wird es immer schwerer, die bisherige Trittfrequenz zu halten. Der richtige Zeitpunkt zum Schalten: in dem Moment, in dem du merkst, dass das Tempo gleich sinkt und die Trittfrequenz schwer zu halten wird — nicht erst, wenn du gar nicht mehr weitertreten kannst.
- Zu früh geschaltet → plötzlicher Widerstandsverlust, Gefühl von „ins Leere treten”, abruptes Abbremsen; die Stützkraft am Knie verschwindet plötzlich, ebenfalls ein Verletzungsrisiko
- Zu spät geschaltet → der Widerstand steigt kontinuierlich, die Trittfrequenz lässt sich nicht mehr halten, man muss den Körper einsetzen oder mit viel mehr Kraft treten, um die Trittfrequenz notdürftig zu halten — hohe Belastung für das Kniegelenk
Beides ist ungünstig. Zu frühes und zu spätes Schalten können beide zu Gelenkverletzungen führen.
Zusammenspiel von vorderer und hinterer Schaltung
- Kleine Streckenänderungen (leichte Steigung, Wellen) → nur mit dem Schaltwerk hinten fein nachjustieren
- Große Streckenänderungen (langer Anstieg, lange Abfahrt) → erst den Umwerfer vorne, dann hinten feinjustieren
Kreuzverzahnung vermeiden (Cross-Chaining)
Großes Kettenblatt + größtes Ritzel oder kleines Kettenblatt + kleinstes Ritzel verursacht eine starke Schrägstellung der Kette — das führt zu Geräuschen, beschleunigtem Verschleiß, reduzierter Übertragungseffizienz und im Extremfall zum Kettenabwurf.
Brauchst du diese Kombinationen, ist das ein Zeichen, dass du das vordere Kettenblatt wechseln solltest.
Auf langen Strecken wechselt die Situation ständig, eine „Allzweck-Übersetzung” gibt es nicht. Häufig und rechtzeitig schalten.
3. Bremsen
Vorn- oder Hinterradbremse?
Beim Bremsen verlagert sich der Schwerpunkt nach vorn, das Vorderrad gewinnt an Grip, das Hinterrad verliert. Daher:
- Die Vorderradbremse liefert den Großteil der Bremskraft (ca. 70 %), aber bei zu weit vorn liegendem Schwerpunkt kann das Hinterrad abheben
- Die Hinterradbremse bremst schwächer und eignet sich zum Feinjustieren des Tempos; zu starkes Ziehen blockiert das Hinterrad und führt zu seitlichem Ausbrechen und instabilem Schwerpunkt
In der Regel sollte keine der beiden allein genutzt werden. Richtig ist, vorn und hinten gleichzeitig zu betätigen, zunächst mit gleichmäßigem, dosiertem Antippen; braucht es mehr Verzögerung, den Druck kontinuierlich leicht erhöhen; ist es immer noch zu schnell, den Druck langsam weiter steigern.
Auf keinen Fall die Bremse plötzlich mit voller Kraft ziehen.
Bei starker Bremsung den Schwerpunkt aktiv nach hinten verlagern (Gesäß leicht vom Sattel nach hinten), so kann mehr Vorderbremskraft genutzt werden, ohne über den Lenker zu gehen.
Kurven: Verzögerung vor der Kurve abschließen
Der wichtigste Grundsatz: schon vor der Kurve auf Kurvengeschwindigkeit abbremsen, nicht während der Kurve.
Das Prinzip: Der Grip eines Reifens ist begrenzt und muss gleichzeitig für Lenken und Bremsen ausreichen. In der Kurve verändert sich der Grip am Vorderrad sehr komplex — blockiert Vorder- oder Hinterrad unerwartet, führt das sofort zum Sturz.
Deshalb:
- Verzögerung vor der Kurve abschließen
- Muss in der Kurve gebremst werden, dann gleichmäßig vorn/hinten und sehr sanft
- Starkes Bremsen in der Kurve vermeiden
- Die Linie außen–innen–außen fahren, der Kurvenscheitel liegt nahe der Innenseite, so lässt sich mit größerem Kurvenradius fahren
- Das innere Pedal oben halten, um Bodenkontakt zu vermeiden
Verschiedene Situationen
Regen:
- Bei Felgenbremsen bildet sich ein Wasserfilm auf der Bremsflanke, der Bremsbelag kann nicht sofort Reibung erzeugen. Während der Fahrt die Bremse kurz antippen, damit der Belag den Wasserfilm von der Flanke wischt — die Bremsleistung erholt sich danach deutlich
- Scheibenbremsen sind deutlich weniger vom Regen betroffen, zeigen aber ebenfalls eine kurze anfängliche Verzögerung
- Insgesamt: Bremsweg auf das Doppelte gegenüber trockener Fahrbahn einplanen
Holpriger Untergrund:
- Empfohlen: Unterlenker greifen, die Finger umschließen den Lenker fest, so löst du dich bei Stößen nicht so leicht
- Gesäß leicht vom Sattel abheben, Arme und Beine leicht angewinkelt, den Körper als Stoßdämpfer nutzen, um Erschütterungen zu reduzieren
Enge Kurven an steilen Abschnitten:
- Unterlenker greifen, Schwerpunkt nach hinten verlagern
- Darauf achten, dass das kurveninnere Pedal nicht den Boden berührt
Lange Abfahrt:
- Intervallweise bremsen, nicht dauerhaft auf der Bremse bleiben
- Felgenbremse: Reibung zwischen Belag und Alu- oder Carbonfelge über längere Zeit erzeugt Hitze, was zum Reifenplatzen oder zu Schäden an Carbonfelgen führen kann. Zwischendurch anhalten, um vollständig abzukühlen
- Scheibenbremse: erhitzt sich ebenfalls und verliert an Bremskraft (Fading), erst nach dem Abkühlen der Scheibe weiterfahren
Vorbereitung vor der Abfahrt
Ist eine lange Abfahrt Teil der geplanten Strecke, solltest du vor der Abfahrt die Bremszüge oder -leitungen auf Unversehrtheit prüfen und das Bremssystem an einem nahegelegenen kurzen Anstieg/Abstieg testen, um die Bremsflächen auf Auffälligkeiten, Verschmutzung oder Kratzer zu kontrollieren.
Weiterlesen
- Radeinstellung → Sattelhöhe, Griffposition und Schaltung
- Fahrregeln für die Gruppe → Fahrregeln für die Gruppe: Handzeichen, Formation und Sicherheitsabstand
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